Wer raucht, der stiehlt von Stephan Quensel
Nachdem ich hier beim Runden Tisch ‘Alkoholpolitik quo vadis?’ bereits von Prof. Quensel berichtet hatte, habe ich mir auch sein Buch ‘Wer raucht, der stiehlt‘ gekauft.
Es ist ein schwer zu lesendes Buch. Jede Menge Fachwörter aus dem sozialwissenschaftlichen und kriminalistischen Umfeld, die ich zumeist schon einmal gehört habe. Aber was sie nun genau bedeuteten, musste ich mir erst anlesen. Was ist z.B. genau eine Peer Group oder ein Deviant?
Dieses Buch berichtet über die Auswertung einer Studie, die von der EU gefördert wurde. In ihr erhielt eine europäische Gruppe von Jugendpsychiatern, Psychologen, Soziologen und Sozialpädagogen, die alle Experten im Umgang mit Jugendlichen Devianten (Drogenkonsumenten, psychisch Gestörten und Kriminellen) waren, von der EU Finanzmittel, um mit einem gemeinsam entwickelten Fragebogen 4.000 SchülerInnen der 8. Klasse im Alter zwischen 14 und 16 Jahren in den Städten Rom, Groningen (NL), Bremen, Dublin und Newcastle (UK) anonym zu ihrem Freizeitverhalten, Delinquenz und Drogenkonsum zu befragen.
Das Buch, das die Auswertungen dieser Studien enthält, ist 300 Seiten stark - und wie oben schon angedeutet - wissenschaftlich gehaltvoll und schwer zu verdauen. Über allem liegt die Statistik mit Voraussetzungen und Verwirrungen. Ich möchte aus diesem Buch zuerst das Hauptbeispiel der Abhängigkeit des Diebstahls vom Rauchen aufgreifen.
Unter den Befragten wurden statistische Gruppen gebildet. So hatten unter den Jugendlichen, die nie geraucht hatten nur 12% jemals einen Ladendiebstahl begangen. Dagegen gaben von den Jugendlichen, die mehr als 10 Zigaretten täglich rauchen, 34% einen Ladendiebstahl zu.
Also ein klarer Fall, dass Rauchen zum Stehlen verleitet
Mitnichten
Die Anzahl an starken Rauchern, die Ladendiebstähle begehen (153), ist unter der Gesamtanzahl der Befragten verschwindend gering (3,8%). Hierdurch den Umkehrschluss abzuleiten, dass Rauchen zum Stehlen verleitet und dass damit der Kampf gegen das Rauchen als erste Maßnahme gegen Drogenkonsum zu bevorzugen ist, ist deshalb etwas gewagt.
Professor Quensel ist Sozialwissenschaftler und Kriminologe. Er zieht seinen Horizont in dieser Studie etwas weiter. Zuerst verallgemeinert er den Drogenbegriff auf Alkohol, Rauchen und Cannabis. Genauso wie er den einzelnen Konsum dieser legalen und illegalen Drogen (ohne NL) mit einem Stärkeparameter (nie, einmal, selten, regelmäßig, immer) versieht. Daraus berechnet er dann eine allgemeine Deliquenz-Skala. Mit Delinquenz ist hier die folgende Definition gemeint: ‘die Tendenz Grenzen zu überschreiten, vor allem rechtliche Grenzen, und letzten Endes straffällig zu werden.’ Diese Delinquenz-Skala zeigt also den Drang des einzelnen Jugendlichen von Erwachsenen gesetzte Grenzen nicht anzuerkennen, sie erst selten und später dann bewusst mehrfach bzw. dauerhaft zu überschreiten und letzten Endes straffällig zu werden und sich aus dem Konsens der Gesellschaft zu verabschieden.
Doch nicht nur der Drogenbegriff wird von ihm verallgemeinert. Auch die Kriminalität zerlegt er in ihre spezielle Formen, um sie nachher ebenfalls zu verallgemeinern. Dazu gehören Eigentums-Delinquenz (einfacher Ladendiebstahl bis hin zu Diebstahl unter Freunden) als auch die einfache Hooligan-Delinquenz bis hin zur Krankenhauseinlieferung der Opfer.
Es geht also bei der Jugend darum, ihren eigenen Weg unabhängig von der durch die Erwachsenen dominierten Gesellschaft zu finden.
Besonders interessant war für mich der Umstand, dass diese Delinquenz in Clustern auftritt. D.h. Gewisse Dinge passieren gehäuft miteinander. Es lassen sich ausgehend vom stärkeren Konsum der Rauschmittel auch auf steigende, strafrechtlich relevante Vergehen schließen. Und damit erhält der der Titel des Buches, ‘Wer raucht, der stiehlt’ tatsächlich wieder seine Relevanz. Professor Quensel berechnet aus den Fragebögen der Studie eine allgemeine Delinquenz-Skala. Und tatsächlich zeigt sich am Ende eine starke Koppelung (Zusammenhang) zwischen den verschiedenen Drogenkonsumen (wer raucht, der säuft und kifft auch) als auch eine Zusammenhang zwischen den verschiedenen Formen der Eigentums- und Hooligan-Delinquenz (wer randaliert, der stieht auch). Und um am Ende noch eins draufzusetzen. Aus diesen Drogen- und Kriminalitäts-Zusammenhängen lässt sich eine allgemeine, statistisch abgesicherte Delinquenz-Skala berechnen, die er mit dem Titel ‘Syndrom’ beschreibt.
Und dazu gehört es, dass Jugendliche, die regelmäßig Rauchen, weiter auf der Delinquenz-Skala vorangeschritten sind und tatsächlich öfter stehlen.
So, das war Kapitel 1 aus dem Buch. Zwei weitere folgen noch.