Opel - update
In diesen Beiträgen (link1, link2, …, suchen Sie nach den beiden Worten Opel und Pleite) habe ich mich um die Opelpleite gekümmert. Pleite ist zu viel gesagt. Opel ist ja nicht pleite gegangen. Nur die Muttergesellschaft General Motors (GM). Wer erst jetzt hier im Blog zu lesen angefangen hat dem sei gesagt, dass ich - sozusagen in einem früheren Leben - als Ingenieur für Opel in Rüsselsheim gearbeitet habe. Später wechselte ich zum damaligen IT-Tochterunternehmen von GM. Ich bin also befangen. Wenn sie mein grundlegendes Statement zu Opel lesen wollen, so empfehle ich den ersten, obigen Link.
Was ist in der Zwischenzeit passiert ![]()
GM ist pleite und hat sich in einem Insolvenzverfahren von einer Menge finanziellen Altlasten befreit. Und das natürlich auf dem Rücken der Stakeholder, zu denen Banken, Aktionäre und Mitarbeiter gehören. So ist das nun einmal mit Insolvenzen. Entweder geht alles über die Wupper oder alle müssen leiden, um am Ende wenigstens etwas zu behalten. Die einzigen, die in USA so halbwegs positiv aus der Sache herausgekommen sind, sind die Mitarbeiter. Zwar haben viele gehen müssen, aber die anderen Beteiligten haben so ziemlich alles verloren. GM gehört heute eigentlich dem amerikanischen Staat.
Einfach alle Schulden wegstreichen und ‘Zurück auf Los’ wird ein schlechtes Unternehmen nicht sanieren. Man muss schließlich etwas im Unternehmen ändern, damit es wieder profitabel wirtschaften kann. Nur was? Einfach das Marketing erhöhen und weiter so?
Wir alle wissen, dass das nicht klappt. Die Manager waren damals ganz schön blind. Auch die IT-Tochter, bei der ich arbeitete, wurde von GM während meiner Angestelltenzeit verkauft. Und zwar an die Börse. Man brauchte Geld. Dazu noch einen Luft- und Raumfahrtkonzern versilbert und dennoch - es reichte nicht. Das Bargeld zerfloss ihnen in den Fingern, da sich im Kern nichts änderte.
Jetzt hat GM massive Schnitte von den Sanierern eingefangen, die die ehemaligen Manager sich früher nicht getraut haben. Ganze Automarken wurden verkauft. Das bringt (s.o. Bargeld) und reduziert die Komplexität. Es wurden sogar Automarken, die keiner haben wollte, komplett eingestellt. Von der ehemals großen GM ist nur mehr ein Rumpf übrig, der gerne mit New GM bezeichnet wird. Und natürlich wurden ganze Werke verkauft oder stillgelegt.
Wenn die Menschen keine GM-Autos mehr kaufen wollen, dann sollte man keine toten Pferde mehr weiterfüttern.
Doch kommen wir endlich nach Deutschland und Europa. Was geht hier ab? Wir hören es immer wieder, dass es im Moment rund 30% Überkapazitäten bei den aktuellen Modellen unserer deutschen Hersteller gibt. Das ist ein echtes Problem. Welche Modelle werden am stärksten verlangt? Natürlich die kleinen, preiswerten. Opel hat - nicht zuletzt durch die unsägliche Abwrackprämie - gute Stückzahlen von Corsa und Meriva verkauft. Und die anderen Modelle? Da liegen die Absatzzahlen hinter dem Plan, wie bei allen, zurück. Und GM
Die haben in Deutschland 40% Absatzplus über ihre kleinen Chevrolets erzielen können. Aber aufgemerkt! Dies sind keine deutschen oder amerikanischen, sondern asiatische Modelle, die nur das Logo aufgeklebt erhalten.
Warum hat nun der Verkauf von Opel an Magna und die Russen nicht geklappt? Die Begründung ist relativ einfach. Große Automobilkonzerne müssen rund 5 Mio. Einheiten produzieren, um kostentechnisch unter den heutigen Randbedingungen konkurrenzfähig zu sein. Das einzelne, ausgelastete Produktionswerk verursacht dabei nur rund 15% aller anfallenden Kosten. Es sind die Fixkosten der viele Tausend Köpfe zählenden Verwaltung, des Marketings und der Entwicklung, die die hohen Kosten verursachen. Und da die Verwalter gleichzeitig die entscheidenden Manager sind, schneidet man dort am wenigsten rein. Lieber schenkt man sich die Entwicklung und lässt ein Auto komplett in Asien entwickeln und bauen und schließt hier ganze Werke, als dass man die Verwaltung gesundschrumpfen würde. SG&A ist hier das Stichwort.
Und nun sind wir auch schon am Ende angekommen. Hätte GM Opel verkauft, so wäre ein neues Unternehmen (New Opel - wie einfallsreich
) entstanden, das weit unter 5 Mio. PKW-Einheiten produziert hätte. Keine wirklich gute Idee in der aktuellen Situation. Das belastete die finanziellen Möglichkeiten der Käufer um Magna massiv. Mehr konnten sie nicht zahlen. GM auf der anderen Seite hätte mit Opel das einzige, eigene Entwicklungszentrum für kleine Autos im Konzern verloren. Und dort liegt die Zukunft für GM.
Wie ich oben gesagt hatte. Es reicht nicht, den Laden zu schrumpfen, Banken zu prellen, Aktionäre zu enteignen und Mitarbeiter rauszuschmeißen. Nein, man muss auch einen Zukunftsweg finden, wie man den ganzen Laden wieder flott bekommt und konkurrenzfähig für die Zukunft macht. Und diesen wichtigen Trumpf hat sich GM nicht aus der Hand nehmen lassen. Zwar war wohl die Hälfte der Entscheider in den USA für das alte ‘weiter so’, aber die weitsichtigen Manager haben sich anscheinend durchgesetzt. Doch hier ist das letzte Gefecht noch nicht gefochten.
Dass so etwas funktionieren kann, sieht man derzeit an Ford. Benzinsparende, europäische Fahrzeuge retten gerade den amerikanischen Umsatz. Ford war das einzige Auto-Unternehmen in den USA, das nicht in die Insolvenz ging. Langfristig sehe ich deshalb für Opel deutlich bessere Chancen innerhalb GMs, als unter einem neuen russisch, kanadisch, österreichischen Eigentümer, bei dem sich jede Entwicklung und die Verwaltung nur auf zwei bis drei Millionen Fahrzeugeinheiten abschreiben lassen.
Und jetzt? Jetzt schmeißt man in Europa natürlich das Drittel der unbeschäftigten Produktionsmitarbeiter bei Opel raus, um die Kosten zu senken. Natürlich darf man in der Entwicklung keinen raus schmeißen. Es ist schon schlimm genug, dass so mancher qualifizierter Ingenieur den Zirkus nicht mehr mitmacht und sich einen zukunftssicheren Arbeitsplatz woanders sucht. Wichtig wäre, dass es in der Verwaltung und im Vertrieb zu einem heftigen Aderlass käme. Aber da jetzt sogar die Europaverwaltung wieder nach Rüsselsheim zurück kommt, sehe ich für eine solche Zäsur überhaupt keinen Silberstreif am Horizont.
Für die Entwicklung neuer Modelle möchte man aus dem Staatssäckel und zur Sicherung der verbleibenden Arbeitsplätze natürlich noch ein paar Milliarden haben. Weil Gelder vom Staat immer billiger sind, als wenn die Banken wieder dazwischen hängen, die bei GM eh noch mehr als eine unbezahlte Rechnung offen haben und Basel II die Zinsen des freien Bankenmarktes für Opel in unerwartete Höhen treibt. Nun soll der Staat also das selbst ausgegebene Basel II Gesetz selbst hintertreiben. Na toll
Die Geldanlage in Opel bleibt risikoreich. Da sind halt hohe Zinsen fällig.
Das hat auch der Bürger verstanden. Über 70% der Bürger wollen keine Staatshilfen für Opel, so sagte es immerhin das Politbarometer in seiner repräsentativen Umfrage von vergangener Woche.
Opel bleibt spannend.