Medium für alte Menschen

E-Mail gilt in Insiderkreisen als Medium für alte Menschen. Mit dieser Aussage überraschte mich Prof. Wessling in seinem Vortrag. Erst war ich schockiert, aber dann musste ich ihm recht geben. Eine E-Mail wird geschrieben - sehr klassisch - und wird dann zu gegebener Zeit (auf keinen Fall in Echtzeit) gelesen. Moderne, mediale Kommunikation findet heute anders statt. Auch hierzu wieder ein Beispiel von Prof. Wessling:

Haben sie heute einmal einen 10- bis 15-Jährigen in seinem ‘Kinderzimmer’ aufgesucht Frage Ich habe das jetzt tatsächlich aktuell gemacht. Im Hintergrund läuft der Fernseher mit leise gestelltem Ton. Der Jugendliche sitzt am Computer, neben sich das Handy, das wegen einer eingehenden SMS laut gibt. Er schreibt gerade eine E-Mail an seinen Lehrer und verfolgt dabei einen Chat zwischen Freunden auf einem Instant Messenger. Wenn man den Jugendlichen fragt, was er gerade macht, dann erhält man - beim Beispiel von Prof. Wessling - die Antwort: “Nichts” und in meinem Fall: “Hausaufgaben”.

Wie viele Dinge machen Sie persönlich (medial) gleichzeitig? Nunja, sie sehen Fern und blättern vielleicht gleichzeitig in der Zeitung. Wenn dann noch das Telefon klingelt, dann wird es schon etwas hektisch. Im Schnitt, so Prof. Wessling, nutzen wir Erwachsene 1,7 Medien gleichzeitig. Bei den Jugendlichen sind es - so sagen es jedenfalls Untersuchungen - stolze 5,4. Ob diese Zahl in ihrer absoluten Größe nun stimmt oder nicht ist unerheblich. Es wird mir allerdings klar, dass in deren Gehirn etwas ganz Anderes abgeht, als bei mir. Und dass wir unsere Jugendlichen über die alteingebürgerten Medienkanäle nicht mehr erreichen, ist auch klar.

Ich erwische mich immer öfter, dass ich nicht mehr zu festen Zeiten den Fernseher einschalte. Nein, wenn ich überhaupt fernsehe, dann zeitunabhängig mit digitalem Videorecorder oder DVD. Dass ein Nachrichtensprecher oder Moderator mir zu einer festen, vorgegebenen Zeit erzählt, wie die Welt funktioniert, findet nicht mehr statt. Endgültig!

Wenn ich eine Information haben muss, dann wird sie mich schon erreichen. Da bin ich mir sicher. Ich bin dermaßen medial und gesellschaftlich vernetzt, dass mich Irgendwer, ob nah oder fern, sicherlich rechtzeitig über mich angehende Dinge informieren wird. Und je mehr Medien ich verwende, um so wahrscheinlicher wird es, dass mich diese Nachricht erreicht. Ich brauche keinen (Kirchen-)Fürsten (siehe Beitrag von gestern) oder gar heutigen medialen Fürsten oder organisierte Information-Gatekeeper mehr die mir sagen, was ich zu wissen habe. Diese Hoheit haben die ‘Hoheiten’ in den vergangenen Jahren eindeutig verloren.

Informationen fließen heute vielfältig im ‘Flow’ durch sämtliche Medien und Kanäle um die Welt. Manchmal beschleunigt sich der Flow, aber dann verlangsamt er sich wieder. Man klinkt sich ein oder aus, grad wie man sich fühlt. Klinkt man sich wieder ein, dann läuft noch die x-te Wiederholung der ollen Kamellen, die mich so auch wieder sicher erreichen, bevor sie von Neuigkeiten langsam verdrängt werden.

The Whisky Store ist mit seinen Kommunikationskanälen Teil dieses Flows. Auch wir haben in der Vergangenheit unsere Geschwindigkeit und unsere Wiederholraten dem modernen Flow angepasst. Twitter ist (für The Whisky Store) der neueste Ableger dieser modernen Welt.

Allerdings - und da muss man ehrlich zu sich sein - bringt es nichts, wenn man Medien als Unternehmen verwendet, die die Zielgruppe noch nicht für sich entdeckt haben. So dürfte twitter eines der modernsten Medien sein, das beim durchschnittlichen Alter der hier Lesenden und an Whisky Interessierten noch gar nicht richtig angekommen ist. Macht es da Sinn, diesen Kanal überhaupt zu bedienen? Doch wenn man ihn nicht bedient? Hat man es dann später schwerer oder schafft es vielleicht gar nicht sich gegen die Ersten durchzusetzen?

Es bedarf heute eines sehr feinen Gespürs für den Fluss der Informationen im Flow, um seine Informationen zielgruppengerecht zu verbreiten.

Ein paar tolle Sprüche hatte Prof. Wessling auch noch in seinem durchaus amüsanten Vortrag zu bieten, die zunächst zu großen Lachern im Publikum und dann bei mir zu Nachdenklichkeit führten. Hier sind ein paar:

- Technologie wird immer nach der eigenen Geburt erfunden.
- Dummheit hebt sich gegenseitig auf. Keiner ist so klug wie alle.
- Stubenarrest heißt heute Handyentzug.
- Jugendliche bekommen keine Hörschäden. Die Welt wird lauter.

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